Zentralrat warnt: Antisemitismus verdrängt jüdisches Leben zunehmend aus der Öffentlichkeit

Berlin, 2. Mai 2026 (JPD) Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht jüdisches Leben hierzulande zunehmend unter Druck. Das am 1. Mai veröffentlichte „Lagebild 2026“ basiert auf einer Befragung von 102 jüdischen Gemeinden und Landesverbänden und gilt als repräsentativ. Demnach hat sich gut zweieinhalb Jahre nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 ein dauerhafter Krisenzustand etabliert. Antisemitismus sei verstärkt Teil des öffentlichen Raums geworden, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster.

Rückgang der Solidarität und wachsende Unsicherheit

Als besonders besorgniserregend bewertet der Bericht den deutlichen Rückgang gesellschaftlicher Unterstützung. Während 2023 noch 62 Prozent der Gemeinden Solidarität aus der Zivilgesellschaft wahrnahmen, liegt dieser Wert nun bei 35 Prozent. Gleichzeitig sehen sich viele Gemeinden zunehmend isoliert, während antisemitische Einstellungen bis in die gesellschaftliche Mitte hineinreichen. Schuster sprach von einer Entwicklung, in der notwendige Zivilcourage zunehmend ausbleibe.

Parallel dazu hat sich das Sicherheitsgefühl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft deutlich verschlechtert. 68 Prozent der Befragten empfinden das Leben in Deutschland als unsicherer als vor Oktober 2023. Aus Angst vor Anfeindungen ziehen sich viele aus der Öffentlichkeit zurück, verzichten auf sichtbare religiöse Symbole und verbergen ihre Identität. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche; zudem sagten 21 Prozent der Gemeinden Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen ab.

Eine Entspannung durch internationale Entwicklungen ist laut Lagebild nicht eingetreten. Zwei Drittel der Befragten sehen im Waffenstillstand in Gaza keine Verbesserung der Lage. Vielmehr würden neue Konflikte im Nahen Osten als Anlass für antisemitische Hetze genutzt. Schuster betonte, solche Ereignisse dienten lediglich als Vorwand, nicht als Ursache für Judenhass in Deutschland.

Die anhaltende Belastung schlägt sich auch in pessimistischen Zukunftserwartungen nieder. Nur noch 13 Prozent der Gemeinden bewerten die Perspektiven für jüdisches Leben in Deutschland positiv. Der Zentralrat wertet die Ergebnisse als dringenden Appell an Politik und Gesellschaft, dem erstarkenden Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten.

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